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YYY-KATALOGNUMMER:YYY CATALOGUE NUMBER: 2026.ME.RE-07
PROJEKT-ZEITRAUM:PROJECT SPAN: Q1/2026
AUFTRAGGEBER:CLIENT: YANNICK WILMSEN
PROJEKT-TITEL:PROJECT TITLE: FEELING THE STACK (ARBEITSTITEL)

FEELING
THE
STACK
Plattformen haben Identität von einem offenen Prozess in ein verwertbares Objekt verwandelt. Was unter diesen Bedingungen verloren geht, ist allerdings nicht ein echtes Selbst, sondern die Möglichkeit eines Prozesses, der dieses durch eine Begegnung mit Kultur und anderen Individuen fortlaufend hervorbringt. In einer Reihe von Texten im Rahmen seines Programms „New Design Congress" erkennt Cade Diehm eben diesen Status Quo – und er zieht daraus vornehmlich politische Konsequenzen. Als Aktivist fordert er eine eindeutigere Regulierung und größere Rechenschaftspflicht für die Ingenieure und Inhaber digitaler Plattformen. Dieser defensive – und unbestreitbar wichtige – Ansatz setzt zum Schutz des Subjekts innerhalb des Plattformkapitalismus an.
Die Schutzbedürftigkeit des Subjekts, an der die genannte defensive politische Agenda ansetzt, ist kein Ergebnis des Plattformkapitalismus allein. Eine Erosion der Vorraussetzungen für kulturelle Imagination erkannte Mark Fisher in dem was er als „kapitalistischen Realismus“ bezeichnet bereits, bevor Algorithmen diesen Zustand beschleunigten. Die strukturelle Unfähigkeit des Spätkapitalismus, eine kulturelle Zukunft zu imaginieren, hat das Subjekt – das zeigt Fisher mit Jameson – vor seiner digitalen Vereinnahmung über mehrere Jahrzehnte geschwächt.
Ich erkenne Fischers Diagnose als Ausgangsbedingungen an – nicht jedoch als unveränderliche Realität. Mit Fisher, Diedrichsen und Jacke denke ich Popkultur nicht als Symptom, sondern als Seismograf des Zustands einer Gesellschaft – und als den Ort von dem aus die hier gestellten Fragen überhaupt erst sichtbar werden. Während Diehms Projekt daran arbeitet, Fundamente für neue Infrastrukturen zu schaffen, will ich die Frage nach alternativen Infrastrukturen mit einem Potential für Individuation bereits unter den gegenwärtigen Bedingungen stellen und untersuchen, wo die Möglichkeiten und Grenzen von Pop liegen, einen Prozess der Re-Individuation zu fördern. Dafür sollen von Stiegler in „The Negantropocene“ angeführten Ideen (Hier die Ideen benennen) als produktives, verbindendes Glied zwischen die pessimistischen Diagnosen von Fisher und Bratton – Letzterer untersucht die gegenwärtigen Bedingungen des Subjekts auf planetarer Ebene – gestellt werden. Ich gebe das Potential des Subjekts in einer kapitalistischen, technologisch organisierten Welt nicht auf. Wo Diehms Projekt politische Wege zur Agency sucht, entwickele ich auf einem theoretischen Fundament gestalterische Ansatzpunkte für die Frage: Wie muss tertiäre Infrastruktur gestaltet sein, um Individuation für Akteure ohne Infrastrukturkapital (1) zu ermöglichen? Um dieser Frage begegnen zu können, will ich zunächst die theoretischen Bedingungen klären, unter denen sie produktiv gestellt werden kann.
(1) In seinem Begriff der „tertiären Retention“ bezeichnet Stiegler technische Trägermedien von Gedächtnis, die dem individuellen Gedächtnis vorausgehen. Im Gegensatz zur primären Retention (dem unmittelbaren Bewusstsein) und der sekundären Retention (der individuellen Erinnerung an vergangene Erfahrungen) existieren diese unabhängig vom Subjekt und formen dessen Wahrnehmung von außen. Ich nutze den Begriff der „tertiäre Infrastruktur“ um die Organisation dieser externalisierten Gedächtnisse durch Archive, Plattformen oder andere Zugriffssysteme zu beschreiben. Individuation bezeichnet bei Stiegler – in Anlehnung an Gilbert Simondon – den Prozess, durch den ein Subjekt sich in der Auseinandersetzung mit seiner technischen und sozialen Umgebung fortlaufend konstituiert. Individuation ist kein Zustand sondern ein offener Prozess und damit das Gegenteil des von mir benannten Ausgangspunktes: Der Identität als verwertbares Objekt.
Den Begriff des Infrastrukturkapitals nutze ich in Anlehnung an Bourdieus Kapitalbegriff, um einen differenziellen Zugang zur Gestaltung und Nutzung digitaler Infrastruktur zu benennen.
Wer keine kontinuierliche Erzählung der eigenen Arbeit mehr aufbauen kann, verliert nicht nur Orientierung, sondern die Fähigkeit, sich selbst als handelndes Subjekt zu begreifen, hat Richard Sennett in „Der flexible Mensch“ (1998) die zunehmend unplanbaren Arbeitsverhältnisse im Postfordismus analysiert. Was Sennett anhand der Arbeit beschreibt, erkennt Fredric Jameson in den 1980er als die dominante kulturelle Logik des Zeitalters. In „Postmoderne: oder zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus“ (1991) zeigt er in Analysen kultureller Produktionen, dass die vorherrschen ökonomischen Bedingungen spezifische Arten des Subjekts innerhalb dieser zu Denken, zu Handeln und zu Imaginieren strukturell formen, beziehungsweise verhindern. Für das Zeitalter der Postmoderne findet Jameson vor allem drei Merkmale der Erzeugnisse kultureller Produktion. Ein Schwinden von Affekt („waning of affect)“ und einem Verlust der Tiefendimension („dephtlessness“) und der Zerfall historischer Zeitlichkeit („perpetual present“). Dass Zeit selbst zur Ware wird, hat Guy Debord bereits 1967 als strukturelles Merkmal des Spektakels beschrieben – eine These die ich im empirischen Teil wieder aufnehmen werde.
In „Kapitalistischer Realismus“ (2009) zeigt Fisher die Auswirkungen dieser Merkmale auf das Subjekt. In der Beobachtung seiner Schüler erkennt er eine sich einstellende „reflexive Ohnmacht“ unter britischen Jugendlichen. Er sieht die Manifestation des Wissens um eine ausweglose Lage („perpetual present“), die sich seit Jamesons Beobachtungen gefestigt hat, in der steigenden Dichte psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Deren anhaltende Pathologisierung – ihre Behandlung als eine individuelle, biochemische Störung statt als eine Konsequenz sozialer Zustände – verhindert eine Kollektivierung als organisierte politische Reaktion darauf und führt schließlich in ein Vakuum politischer Ohnmacht.
Diese Leere füllt Konsum in einer Umgebung, die strukturell jeden Widerstand auf dem Weg zum Konsum abbaut. in diesem Zustand entsteht, was Fisher „depressive Hedonie“ nennt. In einer Welt des widerstandslosen Konsums verlernen Subjekte, die Unannehmlichkeiten und Dauer einer Investition mit persönlichem Wachstumsversprechen auszuhalten. „Es existiert zwar eine ‚vage Ahnung‘ dass irgendetwas fehlt“, schreibt Fisher, „aber kein Verständnis dafür, dass dieser fehlende Genuss nur jenseits des Lustprinzips zugänglich sein könnte“. (Fisher, 2009: 21).
Das, was fehlt, lässt sich im Zerfall historischer Zeitlichkeit nicht mehr erinnern, weil es nie existiert hat. Fisher nutzt Jacques Derridas Begriff der Hauntologie für kulturelle Observation und stellt der untoten Kultur einer „perpetual present“ die Geister nie eingetretener Zukünfte als Merkmal des „kapitalistischen Realismus“ entgegen. In diesem Gegensatz wird sichtbar, was Fisher die langsame Auslöschung der Zukunft (slow cancellation of the future“ Fisher, 2013: PP) nennt. In der Abwesenheit einer Wahrnehmung von historischer Kontinuität manifestieren sich kulturelle Güter ohne klar erkennbare zeitliche Verankerung. Bei beschleunigter kultureller Produktion während sinkender formaler Innovation stellt sich ästhetischer Stillstand ein.
Fisher formuliert diese Analysen zwischen 2004 und 2013. In einer frühen Zeit der Plattformisierung, allerdings vor deren vollkommender algorithmischer Organisation. Was er nach Jameson als kulturelle Logik beschreibt, ist für Benjamin Bratton Symptom einer tieferen Schicht. In „The Stack" (2016) und seinen folgenden Arbeiten untersucht Bratton eine Computationsinfrastruktur, die das Subjekt nicht von außen formt, sondern die ihm als Bedingung vorausgeht, bevor es in ihr geformt werden kann. Diese Verschiebung der Skala ins Planetare ist für meine hier gestellte Frage unverzichtbar; Bratton liefert eine präzise Bestandsaufnahme der Bedingungen, unter denen Individuation heute stattfinden könnte und müsste und steht damit in einer produktiven Spannung zu Fisher. Dessen post-strukuturalistisches Erbe ließt er als Hindernis für die Fragen, die er stellt und Ziele, die er formuliert.
Das Subjekt im Stack
Das Subjekts befindet sich laut Bratton innerhalb des Stacks – der planetaren Computationinfrastruktur, die Bratton in verschiedene, sich übereinander befindlichen Schichten einteilt – in einer Umgebung, die er „User Layer“ nennt. In dieser Schicht lokalisiert er jegliche Agency mit Plattform-Souveränität (also einer Zugangs-Legitimation) innerhalb des Stacks. Die Spanne des User-Begriffs umfasst von (menschlichen) Subjekten über künstliche Intelligent, bis hin zu Sensoren und Robotern, alle im Stack vorortbaren Akteure mit einem Zugang zum „Interface-Layer“ – dem Ort, an dem der Stack erfahrbar wird, an dem die Bedeutung produziert wird, die User wahrnehmen. Bratton beschreibt diesen Layer als prinzipiell verformbar. Es zeigt sich etwa im Eingreifen von Plattformeignern, etwa durch globale Tech-Konzernen wie Meta, Apple und Google, Open AI und Anthropic. In der Realität brechen sie die formale Gleichgewichtung der User im „User-Layer“ auf und gestalten durch ihr großes Infrastruktur-Kapital Bedingungen von User-Sichtbarkeit bis zur kulturellen Produktion. Die andere Seite dieses realen Ungleichgewichts: Wer explizit nicht verort- bzw. adressierbar ist, sein Infrastruktur-Kapital also vollkommen aufgibt, existiert in der Logik des Stacks nicht.
bts: yyyanosh.plus
AUFTRAGGEBER:CLIENT: BAMBOO ARTIST & LABEL SERVICE GMBH / INTERSCOPE RECORDS INC.
PROJEKT-TITEL:PROJECT TITLE: FILLY FEAT. THE TEENAGERS - "SERIOUS" MUSIKVIDEOFILLY FEAT. THE TEENAGERS - "SERIOUS" MUSIC VIDEO
YYY-KATALOGNUMMER:YYY CATALOGUE NUMBER: 2026.PL-01
PROJEKT-ZEITRAUM:PROJECT SPAN: Q4/2025 - Q1/2026
(1) In seinem Begriff der „tertiären Retention“ bezeichnet Stiegler technische Trägermedien von Gedächtnis, die dem individuellen Gedächtnis vorausgehen. Im Gegensatz zur primären Retention (dem unmittelbaren Bewusstsein) und der sekundären Retention (der individuellen Erinnerung an vergangene Erfahrungen) existieren diese unabhängig vom Subjekt und formen dessen Wahrnehmung von außen. Ich nutze den Begriff der „tertiäre Infrastruktur“ um die Organisation dieser externalisierten Gedächtnisse durch Archive, Plattformen oder andere Zugriffssysteme zu beschreiben. Individuation bezeichnet bei Stiegler – in Anlehnung an Gilbert Simondon – den Prozess, durch den ein Subjekt sich in der Auseinandersetzung mit seiner technischen und sozialen Umgebung fortlaufend konstituiert. Individuation ist kein Zustand sondern ein offener Prozess und damit das Gegenteil des von mir benannten Ausgangspunktes: Der Identität als verwertbares Objekt.
Den Begriff des Infrastrukturkapitals nutze ich in Anlehnung an Bourdieus Kapitalbegriff, um einen differenziellen Zugang zur Gestaltung und Nutzung digitaler Infrastruktur zu benennen.
Plattformen haben Identität von einem offenen Prozess in ein verwertbares Objekt verwandelt. Was unter diesen Bedingungen verloren geht, ist allerdings nicht ein echtes Selbst, sondern die Möglichkeit eines Prozesses, der dieses durch eine Begegnung mit Kultur und anderen Individuen fortlaufend hervorbringt. In einer Reihe von Texten im Rahmen seines Programms „New Design Congress" erkennt Cade Diehm eben diesen Status Quo – und er zieht daraus vornehmlich politische Konsequenzen. Als Aktivist fordert er eine eindeutigere Regulierung und größere Rechenschaftspflicht für die Ingenieure und Inhaber digitaler Plattformen. Dieser defensive – und unbestreitbar wichtige – Ansatz setzt zum Schutz des Subjekts innerhalb des Plattformkapitalismus an.
Die Schutzbedürftigkeit des Subjekts, an der die genannte defensive politische Agenda ansetzt, ist kein Ergebnis des Plattformkapitalismus allein. Eine Erosion der Vorraussetzungen für kulturelle Imagination erkannte Mark Fisher in dem was er als „kapitalistischen Realismus“ bezeichnet bereits, bevor Algorithmen diesen Zustand beschleunigten. Die strukturelle Unfähigkeit des Spätkapitalismus, eine kulturelle Zukunft zu imaginieren, hat das Subjekt – das zeigt Fisher mit Jameson – vor seiner digitalen Vereinnahmung über mehrere Jahrzehnte geschwächt.
Ich erkenne Fischers Diagnose als Ausgangsbedingungen an – nicht jedoch als unveränderliche Realität. Mit Fisher, Diedrichsen und Jacke denke ich Popkultur nicht als Symptom, sondern als Seismograf des Zustands einer Gesellschaft – und als den Ort von dem aus die hier gestellten Fragen überhaupt erst sichtbar werden. Während Diehms Projekt daran arbeitet, Fundamente für neue Infrastrukturen zu schaffen, will ich die Frage nach alternativen Infrastrukturen mit einem Potential für Individuation bereits unter den gegenwärtigen Bedingungen stellen und untersuchen, wo die Möglichkeiten und Grenzen von Pop liegen, einen Prozess der Re-Individuation zu fördern. Dafür sollen von Stiegler in „The Negantropocene“ angeführten Ideen (Hier die Ideen benennen) als produktives, verbindendes Glied zwischen die pessimistischen Diagnosen von Fisher und Bratton – Letzterer untersucht die gegenwärtigen Bedingungen des Subjekts auf planetarer Ebene – gestellt werden. Ich gebe das Potential des Subjekts in einer kapitalistischen, technologisch organisierten Welt nicht auf. Wo Diehms Projekt politische Wege zur Agency sucht, entwickele ich auf einem theoretischen Fundament gestalterische Ansatzpunkte für die Frage: Wie muss tertiäre Infrastruktur gestaltet sein, um Individuation für Akteure ohne Infrastrukturkapital (1) zu ermöglichen? Um dieser Frage begegnen zu können, will ich zunächst die theoretischen Bedingungen klären, unter denen sie produktiv gestellt werden kann.
regie: soft.as.snow
produktion: yyyanosh.plus
kamera: zehnzwanzig
1ac: niki wiener
gaffer: david carey
lighting technician: kye redman-karroll
set design: Anselm A. Eitelbös
set dressing: Jay Steiner
styling: ilija milicic
hmu: eliana de camargo
pa: raphael hutfless
edit: soft.as.snow & filly
vfx supervision: marina schwarz
color grade: zehnzwanzig
bts-foografie: juanita pereira
set-runner: finn hackel
bts: yyyanosh.plus